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Die vollkommene Musikerin - von Andé PrevinThe complete musician - by André Previn

Die vollkommene Musikerin

von André Previn

Es scheint eine besondere Marotte unserer Zeit zu sein, Komplimente und Lobeshymnen mit Hinweisen auf Spezialisierungen garnieren zu müssen. Schon lange reicht es nicht mehr aus, auf die generellen Vorzüge eines Künstlers hinzuweisen, nein, es klingt schließlich viel, viel besser, wenn man einen Satz wie »vor allem in seiner Gestaltung des Stimmengefüges von Werken aus der Zeit nach Gesualdo« hineinschmuggeln kann. Das klingt gut, wahnsinnig fundiert und ist kaum anfechtbar. Diese Art nassforscher Kritik war bisher eher auf dem Gebiet der Malerei zu finden, doch in Aufsätzen und detaillierten Beschreibungen der Konzertdarbietungen von Künstlern hat sie jetzt auch musikalisches Terrain erreicht. Das Herausstreichen allgemeiner Vorzüge allein ist kein glühendes Kompliment, denn schließlich muss noch der Spezialisierungsvirus mit hinein, so zum Beispiel »besonders offensichtlich ist seine Kenntnis des Stils der frühen Pfitzner-Sonaten«. Und der Leser darf Enzyklopädien und Wörterbücher wälzen, um diese Rezension zu entschlüsseln.

Das ist die reinste Gottesgabe, wenn man große Künstler einmal nach Strich und Faden sezieren und ihre Schwächen bloßlegen will, doch gibt es einige wenige glückliche Künstler, die derartiger Beigaben nicht bedürfen: Zimerman, Heifetz, Karajan, de Larrocha und andere schweben vorüber, unberührt von derlei extravagantem Wortwerk, erhaben in ihrer Meisterschaft, als Virtuosen unantastbar. Und zu dieser Künstlerriege gehört die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Bei ihren Einspielungen widmet sie sich mit Vorliebe Projekten wie den gesamten Violin-Sonaten und -Konzerten Mozarts, den Violinsonaten Beethovens und den Bach-Konzerten. Doch von Spezialisierung keine Spur, denn schließlich kommen bei ihr auch noch Bernstein, Korngold, Berg, Gubaidulina, Previn und Rihm dazu, Kompositionen, die in weniger berufenen Händen spröde und unzugänglich wirken können, doch unter ihrem Bogen in voller Schönheit erstrahlen. Auf das Bartók-Konzert mit seinem stürmischen, ehrfurchteinflößend virtuosen Beginn kann bei ihr direkt die intime, sehnsuchtsvolle Erste Violinsonate von Brahms folgen. Anne-Sophie ist mit Sibelius ebenso vertraut wie mit Mendelssohn, Tschaikowsky und dem eleganten Charme eines Kreisler oder Gershwin. Sie hat ein fast grenzenloses Klangrepertoire und angesichts der Vielfalt ihrer Phrasierungen und Stricharten kann ich nur staunen. Ich habe nie erlebt, dass ihr musikalisches Gespür sie einmal im Stich gelassen hätte, sie ist die ideale Interpretin, die ideale Geigerin.

Das Bild wäre unvollständig, wenn ich zum guten Schluss nicht noch auf ihre Haltung auf der Bühne einginge: Haare werfen, aufstampfen, das Gesicht gequält verziehen, um die eigene Leistung zu untermalen, all das ist ihre Sache nicht. Sie steht in vollkommener Ruhe da, runzelt manchmal nur leicht die Stirn oder lächelt, vollkommen konzentriert – die vollkommene Musikerin. Es gibt keine Interpretin und keinen Interpreten, die oder den ich mehr bewundere.

April 2011



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