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Warum "Back to the future"?

Ende des letzten Jahrhunderts - das klingt, als sei dies lange her, dabei war es erst vor kurzem - sprachen Kurt Masur und ich eines Nachmittags über die enorme Bandbreite musikalischer Ausdrucksformen, die das 20. Jahrhundert zu bieten hatte. Es war uns beiden ein Anliegen, das neue Jahrhundert sinnvoll zu beginnen. Da kam uns der Gedanke, Rückschau in die Zukunft zu halten - schließlich wird das Repertoire, das uns im letzten Jahrhundert begleitet hat, in diesem schon als historisch gelten.

Ich war der Musik des 20. Jahrhunderts nicht immer so eng verbunden. Mein Interesse an dieser Musik erwachte vor etwa 15 Jahren dank der Leidenschaft eines Mannes: des Schweizer Mäzens, Dirigenten und Mentors Paul Sacher, dessen Großzügigkeit wir so viele wegweisende Werke des 20. Jahrhunderts zu verdanken haben. Sacher war es, der mir zum ersten Mal zeigte, wie spannend die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten wie Witold Lutoslawski, Wolfgang Rihm und Krzysztof Penderecki sein kann. Ich merkte bald, daß es aufregend war, mit diesen kreativen Musikern zu arbeiten und ihre Kompositionen auf der Konzertbühne zum Leben zu erwecken. Gleichzeitig fing ich an, mich näher mit der Musik der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen und sie für mich zu entdecken.

Die Geige war im 18. Jahrhundert sehr populär. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde sie vom Klavier abgelöst - das Tasteninstrument war eine Neuheit, gewissermaßen der "Computer" dieser Zeit. Das Klavier beherrschte die musikalische Szene, und die Komponisten waren zu Recht fasziniert von dem neuen Medium. Doch im 20. Jahrhundert sollte die Violine nochmals Furore machen. Als ich in der einschlägigen Literatur stöberte, stellte ich fest, daß Komponisten das Repertoire für die Geige weiterentwickelt hatten und dabei neue Wege gegangen waren. Viele dieser neuen Erscheinungsformen hatten sich aber auch ganz natürlich aus bekannten Musikformen wie dem Kanon oder der Passacaglia entwickelt, die man seit Jahrhunderten kennt. Die zeitgenössische Musik war mir anfangs fremd, manchmal beängstigend, oftmals anspruchsvoll, aber stets extrem anregend.

Die Auswahl der Komponisten und Werke, die auf "Back to the Future" vertreten sind, wurde allein von mir getroffen und ist demgemäß ganz und gar subjektiv. Jedes Stück ist unverwechselbar, und zwischen einzelnen Werken ergeben sich extreme Kontraste. So liegen zum Beispiel nur sieben Jahre zwischen Weberns Vier Stücken für Geige und Klavier (Op. 7 aus dem Jahre 1910) und Respighis Sonate für Geige und Klavier aus dem Jahre 1917, und dennoch könnten die beiden Werke nicht unterschiedlicher sein. Bei Webern finden wir eine karge, explosive Palette von Tönen, Respighi dagegen läßt uns von Brahms und Italien träumen. Diese immense Vielfalt zieht sich durch das gesamte Repertoire. Gibt es einen gemeinsamen Nenner? Ja, in der Tat: Ich habe Stücke ausgewählt, die durch Farbe und Ausdruckskraft bestechen. Keines der Werke wurde zu experimentellen Zwecken oder als rein intellektuelle Aussage komponiert.

Diese hier ausgewählte Musik ist tief in der Vergangenheit verwurzelt, versucht aber nicht, Traditionelles zu kopieren. Sie drückt in ihrer Gesamtheit das Koloristische, das Emotionale des Instruments aus, die kreative und modulierende Qualität der Klangerzeugung, die die menschliche Stimme und die Geige gemeinsam haben.

Eine musikalische Periode, die vielfältiger ist als die letzten hundert Jahre, läßt sich kaum finden. Das macht auch den unwiderstehlichen Reiz dieses Projekts aus. Die Reise durch das vergangene Jahrhundert mit so wunderbaren Kollegen wie Maestro Masur und dem Pianisten Lambert Orkis war und ist ein fesselndes Abenteuer.

Anne-Sophie Mutter (Frühjahr 2000)

Anne-Sophie Mutter widmete Paul Sacher ihr Projekt "Back to the Future".



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