HOME KONTAKT PRESSE MULTIMEDIA SITEMAP Suche

Im Gespräch mit Oswald BeaujeanIn conversation with Oswald Beaujean

Releases

Dvorak 1 CD | Int. Vö.: 25. October 2013 Details [+] Kaufen Amazon|iTunes|JPC
Tracklist & Webshop Deutsche Grammophon Deluxe Edition +DVD Deutsche Grammophon

Releases

Dvorák Violinkonzert

»Recht originell, kantilenenreich und für gute Geiger«

Die Entstehung von Dvořáks Violinkonzert ist verwickelt. Johannes Brahms hatte Dvořák an seinen Verleger Fritz Simrock empfohlen, der nach der erfolgreichen Veröffentlichung der Slawischen Tänze 1879 um ein Violinkonzert bat:  »recht originell, kantilenenreich und für gute Geiger«. Simrock dachte dabei ziemlich sicher vor allem an den neben Pablo de Sarasate berühmtesten Geiger der Epoche, Joseph Joachim, der zwei Jahre zuvor das Brahms-Konzert aus der Taufe gehoben hatte. Wie Brahms bezog Dvořák, obwohl selbst ein guter Geiger, den großen Solisten selbstverständlich in den Entstehungsprozess ein. Joachim reagierte auf die Zusendung des ihm gewidmeten Konzerts mit tiefgreifenden Änderungswünschen, die Dvořák bereitwillig umsetzte. Nach eigenen Worten hielt er an den Themen fest, schrieb das Konzert ansonsten aber neu: »Nicht einen einzigen Takt habe ich behalten.« Dass Joachim dann auf die Zusendung der zweiten Fassung zwei Jahre lang nicht reagierte, ist für Anne-Sophie Mutter völlig unerklärlich. »Ich weiß nicht, ob die Zusammenarbeit der beiden glücklich war. Ob das Werk durch die Umarbeitung an Transparenz gewann? Immerhin notiert Dvořák den Orchesterpart fast permanent im Pianissimo! Lässt die überarbeitete Orchestrierung der Geige mehr Raum? Ich wage es zu bezweifeln.« Aber gerade in der permanenten, harmonisch reizvollen Umklammerung der Geige durch das Orchester liegt der Reiz dieser emotionsgeladenen Partitur. Wie auch immer, Joachim beklagte auch in der Neufassung »die überaus dicke orchestrale Begleitung, gegen welche auch der größte Ton nicht aufkommen würde«. 1883 konnte Simrock das Werk endlich veröffentlichen, doch der Widmungsträger sollte es nie öffentlich spielen. Solist der Prager Uraufführung am 14. Oktober 1883 war der junge Tscheche František Ondříček, der viel für die internationale Durchsetzung des Konzerts tat.

Auch Anne-Sophie Mutter hält das Konzert für ungewöhnlich kompakt orchestriert. »Es erfordert ein sehr feines Durchleuchten und Ausbalancieren seitens des Orchesters, auch wenn der Solist sich mit den heutigen Stahlsaiten besser durchsetzen kann. Das Konzert ist anspruchsvoll, aber nicht undankbar. Die Tonart a-moll verleiht der Geige, was Obertöne, Benutzung der leeren Saiten und die Strahlkraft des Klangs insgesamt angeht, eine natürliche Brillanz. Nach diesem Wirkungsbarometer hat Dvořák das Werk geschrieben, auch, indem er versuchte, ihm viel volkstümlich Liedhaftes zu verleihen. Es gibt Momente, die geigerisch sehr gut liegen, aber natürlich auch die, die sich in extremer Höhe abspielen. Am Beginn ist die Geige nach der kurzen Orchesterfanfare sofort präsent, man schmettert im Grunde uneingesungen die Königin der Nacht. Beim hohen E und A sollte man schon schwindelfrei sein.«

Besonders ist jedoch nicht nur der auf die klassische Orchestereinleitung verzichtende Einstieg in den ersten Satz, sondern die gesamte formale Anlage. »Das Konzert versucht insgesamt, mit der Form zu brechen und etwas Neues zu schaffen, vielleicht auch, sich aus dem Schatten des Brahms-Konzerts zu lösen. Das Hauptthema des ersten Satzes wird endlos variiert, und dasselbe gilt für das Finale mit seiner aparten Gegenüberstellung von Drei-Achtel- und Zwei-Viertel-Takt. In der Mitte hören wir das langsame Dumka-Thema, sehr zart und etwas melancholisch, bevor sich der Satz wieder in den wilden Volkstanz stürzt.« Mit diesem Finalrondo schuf Dvořák eine geistvolle Stilisierung des von permanenten Taktwechseln charakterisierten Furiant. Die Gegenüberstellung von überschäumendem böhmischem Volkstanz und der leicht klagenden Dumka ist nur ein Beispiel für den wunderbaren melodischen Reichtum des Konzerts.

Anne-Sophie Mutter ist überzeugt davon, dass vor allem Mendelssohns Violinkonzert Einfluss auf die Satzstruktur des Dvořák-Konzerts nahm. »Der für die damalige Zeit ungewöhnliche direkte Einsatz der Geige ist nur ein Aspekt. Auch die Mini-Reprise im ersten Satz, auf die sofort die wunderbare Überleitung in das gesangliche Adagio folgt, ist sehr besonders und Mendelssohn ähnlich. Ich höre wirklich eine Art Nachläufer des Mendelssohn-Konzerts, allerdings einen eigenständigen, der in der Struktur so gar nicht der klassischen Konzertform folgt.«


Dirigent Manfred Honeck - Foto: Harald Hoffmann / DG

Weshalb sie das a-moll-Konzert vergleichsweise spät aufgenommen hat? »Es gab heiße Dvořák-Phasen, das Konzert stand immer wieder als Wunschprojekt im Raum. Anderes schob sich einfach vor. Jetzt bin ich bei manchem, das mir seit Kindertagen am Herzen lag – vor allem Mozart und Beethoven –, etwas zur Ruhe gekommen und möchte mich Repertoire widmen, das nicht so oft gespielt wird. Das Dvořák-Konzert ist mir in den letzten Jahren besonders wichtig geworden. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, um es aufzunehmen, sicher auch wegen der Berliner Philharmoniker und Manfred Honeck. Sie waren die idealen Partner, um mitten ins Herz dieses wunderbaren Werkes vorzudringen. Bei mir hat es viele schöne Erinnerungen wachgerufen, nach 30 Jahren mit diesem Orchester wieder eine Aufnahme zu machen. Sensiblere und zugleich leidenschaftlichere musikalische Partner kann man sich nicht wünschen – inspiriert durch den wunderbaren Dirigenten Manfred Honeck!«

Auch wenn das böhmisch-folkloristische Element bei Dvořák wichtig ist, möchte Anne-Sophie Mutter es nicht in den Vordergrund rücken. Wohl aber sieht sie hier eine großartige Verbindung zur 1877 nach dem Andante eines frühen Streichquartetts entstandenen Romanze op. 11 und auch zum wirkungsvollen Mazurek op. 49. »Sie verkörpern zwei wichtige Elemente in Dvořáks Schaffen: die wunderbar gesangliche Romanze das Liedhafte, der Mazurek den Volkstanz. Es mögen aus dem Moment entstandene Gelegenheitswerke sein, der Schatten seines großen Freundes Brahms ist überhaupt nicht spürbar. Hier ist Dvořák ganz in seiner eigenen Klangsprache zu Hause.«

Oswald Beaujean


August 2013



*** printFooter ***