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Interview zu den Sonaten mit Walter DobnerInterview on the Sonatas by Walter Dobner

Ganze Welten zu erforschen

Interview zu den Sonaten mit Walter Dobner

Anne-Sophie Mutters "Mozart-Projekt" ist wahrhaft ehrgeizig. Ihr Ziel: eine Gesamtschau von Mozarts großen Kompositionen für Solovioline. Die ersten beiden Teile - die Violinkonzerte mit der Sinfonia concertante und eine Auswahl von Klaviertrios - stiegen gar in die Top 30 der deutschen Popcharts auf. Den letzten Teil, die Violinsonaten der Reifezeit, eingespielt mit dem Pianisten Lambert Orkis, veröffentlicht Deutsche Grammophon im August im Rahmen ihrer Hommage "Mozart Forever". Zugleich wird damit jedoch auch ein weiteres Jubiläum gefeiert: der 30. Jahrestag von Anne-Sophie Mutters Konzertdebüt in Luzern. Beim diesjährigen Lucerne Festival werden Mutter und Orkis Violinsonaten von Mozart spielen, die sie zuvor auf einer Tournee weltweit aufgeführt haben. Im folgenden Gespräch unterhält sich der Wiener Kritiker Walter Dobner mit der Geigerin über diese Werke, den "anspruchsvollsten und schwierigsten Teil von Anne-Sophie Mutters 'Mozart-Projekt' " (Süddeutsche Zeitung).

Anne-Sophie Mutter, wieso hört man von Mozarts Violinsonaten nur einige wenige? Sind sie für einen Geiger so unattraktiv?

Nur einige wenige ist etwas übertrieben. Die Sonaten, die ich gewählt habe, sind die großen Violinsonaten. Frühe Werke haben mich nicht interessiert, weil die Violine, wie bei Haydn, nur die rechte Hand begleitet. Dann gibt es mehrere Klaviersonaten, die später in Violinsonaten umgewandelt wurden. Ich denke, dass wir mit der Auswahl der sechzehn Sonaten drei wichtige Schaffensperioden eines bereits reifen Komponisten abdecken: die Mannheimer Periode und die beiden Wiener Phasen. Es geht mir nicht darum zu beweisen, dass ich alles, was Mozart je für Geige und Klavier geschrieben hat, aufgenommen habe. Für mich ist die Werkschau damit verbunden, dass ich Stücke ausgesucht habe, die mir persönlich wichtig sind und die zum Kernstück von Mozarts kompositorischem Schaffen gehören.

Das Klavier dominiert nicht nur bei den frühen Sonaten. Der Klavierpart der im "Don Giovanni"-Jahr 1787 entstandenen A-dur-Sonate KV 526 zählt zu Mozarts anspruchsvollsten Klavierwerken. Ein Grund, dass Geiger lieber zu den Violinkonzerten als zu den Violinsonaten greifen?

Es gibt die ganz persönlichen Vorlieben von jedem einzelnen Musiker. Dazu zählt die Vorliebe für das eine oder andere Konzert. Ich glaube nicht, dass das nur mit der Eitelkeit des Geigers zu tun hat, dass viele Sonaten nicht gespielt werden. Es ist oft das Desinteresse an Kammermusik, die etwas rechts oder links vom Trampelpfad des Repertoires liegt. Das gibt es woanders auch, etwa bei den Beethoven-Sonaten: Von Opus 30 spielt man die c-moll-Sonate, die beiden anderen fallen unter den Tisch. Man spielt Opus 23 ungern, lieber Opus 24, die "Frühlingssonate", obwohl sie erst vor dem Hintergrund der vorhergegangenen dunkleren und zerrissenen Sonate richtig leuchten kann. Deshalb ist für mich dieser Mozart-Zyklus wichtig. Obwohl die Chronologie im Vergleich zu Beethoven keine große Rolle spielt, ist es wunderbar zu beobachten, wie sich diese Entwicklung vollzieht - von der ersten Mannheimer Sonate bis zu einer der letzten, die er für Regina Strinasacchi geschrieben hat.

Nach welchen Kriterien haben Sie die drei Konzerte mit den Mozart-Sonaten zusammengestellt?

Ich habe aus allen drei Schaffensperioden - Mannheimer, die mittlere und späte in Wien - die wichtigsten Werke ausgewählt und versucht, diese so anzuordnen, dass es musikalisch sinnvoll ist, aber auch spieltechnisch bewältigbar. Man würde natürlich nie ein Programm mit KV 378 anfangen, das wäre absoluter Selbstmord. Und dass man Anfangswerke wählt, die vielleicht mit einer Fanfare oder einem ähnlichen Thema eröffnen und die sehr geradlinig und sehr extrovertiert sind, ist auch klar. Introvertiertere Werke findet man eher in der Mitte des Programms. Es geht darum, dass jedes Programm eine in sich geschlossene Werkschau darstellt und eine stetige Entwicklung zum kompositorischen Höhepunkt der letzten Sonate deutlich wird.

Für Mozart hatten Sie ja immer schon eine besondere Vorliebe ...

Ich war immer ein großer Liebhaber von Mozart, ein großer, großer Bewunderer dieses Komponisten. Vielleicht ist es mir auch deshalb ganz selbstverständlich in den Sinn gekommen, dass ich auch die frühen Werke - die so genannten kleineren Sonaten - kennen lernen wollte, um mehr über ihn als Komponisten zu lernen und mich als Mozart-Spieler weiter zu profilieren - denn leicht ist kein einziges dieser Werke. Mozart hat die Angewohnheit, aus dem Stand heraus, nach einer wunderschönen elegischen Melodie, plötzlich einen Tripelsalto vorwärts zu verlangen. Dabei darf es nie nur virtuos klingen, Mozarts Musik ist nie Selbstzweck. So sehr Mozart das Virtuose geschätzt hat, so sehr ist es immer verpackt in Galanterie, Eleganz, Ausdruck. Diese Beherrschung der kleinsten Nuance und der wenigen Noten, die da manchmal auf dem Papier stehen, ist ungleich schwieriger als zum Beispiel bei Tschaikowsky. Da kann man - das klingt jetzt schlimm - durchaus den Autopiloten einstellen. Das macht irrsinnigen Spaß, die Noten aus der Hand zu schütteln. Bei Mozart schüttelt man keine einzige Note aus der Hand. Es ist auch immer in einem Tempo, das nicht richtig rast, es muss bei aller Schnelligkeit sehr beherrscht sein.

Mozart spricht bei seinen 1778 in Mannheim begonnenen, in Paris abgeschlossenen Sonaten von "Clavier duetti mit violin". Wie liest man das heute?

Es war einfach eine Formel, die man damals verwendet hat. Es ist egal, ob es "Sonate für Geige und Klavier" heißt oder umgekehrt. Es ist weder die Geige an erster Stelle noch das Klavier. Ohne diese Interaktion ist Kammermusik ohnehin nicht möglich. Es geht nicht darum, wer mehr Noten hat, wer etwas Wichtigeres hat. Letzten Endes werden die Themen auch schon in den mittleren Werken der Wiener Sonaten völlig gleichberechtigt unter den beiden Instrumenten aufgeteilt. Ich finde es enorm, wie in den späten Sonaten die Geige zusammen mit dem Klavier ein Thema in der Mitte bereits übernimmt und dieses Thema dann wieder zurück an das Klavier abgibt. Das ist bei der Sonate KV 454 meisterlich gelungen. Wir sollten nicht das Augenmerk auf Äußerlichkeiten lenken wie: Wer steht zuerst da, wer hat mehr Noten? Es ist einfach großartige Kammermusik, die von beiden Musikern höchste Bereitschaft des Zuhörens und der Aufrichtigkeit erfordert.

"Die freulle ist ein scheusal! - spiellt aber zum entzücken", schrieb Mozart über seine Schülerin Josepha Barbara von Auernhammer. Ihr hat er sein Opus II, die Sonaten KV 296 und 376 bis 380 gewidmet. Über sie kann man in einer zeitgenössischen Kritik lesen: "Die Sonaten sind die einzigen in ihrer Art. Reich an neuen Gedanken und Spuren des grossen musicalischen Genies des Verfassers." Sind diese Werke auch für Sie "sehr brillant, und dem Instrumente angemessen"?

Natürlich, er hat sie dem Fräulein Auernhammer gewidmet mit Blick auf den sehr wohlhabenden Vater, weil er weder von ihrem Aussehen noch von ihrem pianistischen Können sehr viel gehalten hat. Mozart musste sich über Wasser halten. Es war ein diplomatischer Schachzug, die Sonaten dieser relativ unbedarften Schülerin zu widmen. Mozart war - vielleicht mit Ausnahme der Sonate KV 454, die er für die Strinasacchi geschrieben hat - jemand, der nicht nur auf die Fähigkeiten der Widmungsträger geschaut, sondern auch für sich selbst geschrieben hat. Ob die Widmungsträgerin die Werke wirklich beherrscht hat, war ihm, glaube ich, ziemlich egal.

Wie beurteilen Sie die technischen Ansprüche dieser Mozart-Sonaten?

Es gibt in einigen Sonaten sehr vertrackte Stellen, das wissen Geiger sehr wohl. Bei der Es-dur-Sonate KV 380 gibt es einige Passagen, die sind ausgesprochen unangenehm. Die Sonaten sind durchweg anspruchsvoll. Für mich liegt die Schwierigkeit in Mozarts Musik nicht in irgendwelchen Läufen, sondern beispielsweise auch in den Rondos. Nehmen wir das Rondo der Es-dur-Sonate: Wie viel stauen Sie den Auftakt, stauen Sie ihn gar nicht? Die Phrasierung ist das große Problem und auch der Schlüssel zu Mozarts Musik. Für mich sind die Sonaten kleine Opernszenen. Wenn man sich die Briefe anschaut, seine Handschrift - sehr oft geht es im Kreis durcheinander. Das sind eigentlich schon kleine Kunstwerke zum Anschauen. Auffällig sind auch die theatralischen Schilderungen in den Briefen. Die Sonaten haben für mich sehr viel Erzählhaftes. Mozart hat die Opernbühne nie verlassen, auch nicht in seiner Kammermusik. Damit sind wir wieder bei der Phrasierung, bei so kleinen Details wie Auftakt oder Ende einer Phrase. Gerade die Auftakte der Tanzsätze sind unglaublich wichtig, da sind für mich ganze Welten zu erforschen, da geht es um die Struktur der Musik, die man herausarbeiten muss.

Welche Beziehung haben Sie zu den letzten Mozart-Sonaten, etwa zur B-dur-Sonate KV 454?

Das ist ein Riesenwurf. Unter allen Sonaten, abgesehen von KV 304, ist das meine Lieblingssonate, weil hier eine derartige Meisterschaft in der Komposition erreicht ist. Im berühmten Andante sind Violine und Klavier derart kunstvoll verwoben, dass man selbst nicht wahrnimmt, wann einem das Wort aus dem Munde genommen und wieder hineingelegt wird. Diese Sonate ist endlos aufregend. Dann noch dieses Allegretto am Schluss! Dieses Werk hat eine Tiefe, die unerreicht ist.


Mai 2006



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