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Laudatio Joachim KaiserLaudation Joachim Kaiser

Laudatio Joachim Kaiser

Wie Ihre Kunst die Musikwelt veränderte

Der feine Hugo von Hofmannsthal empfand es einst als unter seiner Würde, für den Freund, Komponisten und Kollegen Richard Strauss etwas so Triviales wie ein realistisches Ehebruchs-Komödien-Libretto zu verfassen – das Richard Strauss so gern in Musik gesetzt hätte. Doch Hofmannsthal winkte angewidert ab: "Machen wir mythologische Opern, es ist die wahrste aller Formen." So wandte sich Strauss an den Dramatiker Hermann Bahr – und schließlich musste er den Text zu seiner Konversations-Oper "Intermezzo" selber verfassen. Nun wusste Strauss aber sehr genau, was er konnte und was er eben nicht konnte. Darum schickte er dem Hermann Bahr seine erste, rasch niedergeschriebene "Intermezzo"-Szene mit folgendem Begleitbrief: "Bitte lesen Sie’s und sagen mir ganz aufrichtig und möglichst schonungslos, was Sie davon halten. In allen Dingen, wo man das Metier nicht vom 15. Lebensjahre an beherrscht, ist man Dilettant".

Träfe die rabiat-anspruchsvolle Feststellung von Richard Strauss zu , dann brauchten unsere Musikhochschulen, falls es ihnen streng um Höchstleistung geht, zumindest in den Fächern Geige, Cello, Klavier kaum mehr Überfüllung zu befürchten... Vor einigen Jahrzehnten schon sagte mir Anne-Sophie Mutter, im Hinblick auf das Risiko schlechter Ausbildung beim Erlernen des Geigenspiels, etwas noch Radikaleres: Wenn jemand mit 12 Jahren bestimmte Dinge nicht gelernt, sich aber gewisse Fehler angewöhnt hat – dann, so einst Anne-Sophie Mutter wörtlich – "dann ist das Rennen gelaufen".

Nun, für Anne-Sophie Mutter lief das Rennen wunderbar gut. Sie spielte über die Jahre hin derart schlackenlos rein, brauchte bei Lagenwechseln anscheinend nie auch nur ein hundertsel Millimeter zu korrigieren, so dass allein ihr Ton sinnliches Glück schuf in jeder dafür empfänglichen Seele. Plötzlich wussten wir wieder, warum die Geige nicht nur Königin, sondern Himmelskönigin unter den Instrumenten sei. Aber wahrhaft und nachhaltig beglückend kommt noch etwas hinzu: Anne-Sophie Mutters weit über den wahrlich unverächtlichen Bezirk meisterhafter Virtuosität hinausreichende Wirkung widerlegt die naheliegende Versuchung zu grämlichem Kultur-Pessimismus!

Der Umstand, dass sie – und neben ihr der von ihr hochgeschätzte Gidon Kremer – in einer Phase, da nach dem Tode von Rubinstein, Serkin, Arrau, Kempff, Horowitz doch eine etwas dürftigere Klavierzeit angebrochen schien, da die Opernhäuser leider kaum mehr einen passablen "Tristan", "Siegfried" oder "Lohengrin" finden, in einer Spät-Zeit, da auch Dirigenten-Persönlichkeiten vom Ausnahme-Range Karajans oder Bernsteins zu fehlen scheinen – in einer solchen Phase der Interpretationsgeschichte hat Anne-Sophie Mutter es fertig gebracht, durch ihr Vorbild und Beispiel, eine Ära großen, meisterhaften, expressiven Geigenspiels zu eröffnen! Das aber hat nicht nur mit ihrer perfekten Kunst zu tun, sondern auch mit ihrem Charakter. Mit ihrer alle Selbstzufriedenheit verachtenden Neugier!

Dank der phantastischen Fülle ihrer Tonfälle animiert sie auch die Komponisten. Zunächst seien einige repräsentative Namen genannt: Wolfgang Rihm, Witold Lutoslawski, Henri Dutilleux, Sofia Gubaidulina: Sie alle, und noch zahlreiche andere, widmeten ihr gewichtige Werke!

Solche Wirkungen kann kein Künstler "planen". Sie sind eine Folge seines Wesens, seiner Faszinations-Kraft, seines Charakters. Auch dass es plötzlich förmlich wimmelt von jungen und ganz jungen Geigerinnen oder Geigern, die alle beseelt scheinen von hohem expressiven Ehrgeiz, und eben nicht bloß von virtuoser Lust und dem Bestreben, Paganinis Capricen noch flotter hinzulegen als Ricci, Accardo oder Haifetz - es ist Anne-Sophie Mutters Aura, die eine solche Ära der Frank Peter Zimmermann, Vadim Repin, Maxim Vengerov, Hilary Hahn oder Julia Fischer mitbewirkt hat. Zudem gibt es gegenwärtig eine Hochblüte bemerkenswert junger Streichquartett-Kultur.

Ich habe hier von Anne-Sophie Mutters "Charakter" gesprochen, der ihre so weitreichende Wirkungen mitverursache. Aber was heißt eigentlich "Charakter". Das wäre zu präzisieren – zumal Clemenceau mal sehr schnöde, aber einleuchtend sagte, wenn jemand überhaupt Charakter hat, dann ist es meist ein schlechter. Nein, bei Anne-Sophie geht es um etwas Zwingenderes: nämlich um ihren inneren Ehrgeiz. Wer ihren Weg aus der Nähe verfolgen durfte, der musste spüren: welch ein innerer, ganz aus der Sache kommender Ehrgeiz sie beseelte und beseelt: gerade nicht bloß ein äußerer Ehrgeiz, der doch meist eine Art von Verzweiflung zur Ursache hat – und eben die schmähliche Preisgabe allen inneren Ehrgeizes.

Schauen wir mal hinter die Legenden, die ihre Karriere zum "Mutter-Glück" verklären. Ich hatte den aufregenden Vorzug, mit dabei zu sein, als Anne-Sophie Mutter am 27.Juni 1977 ihre erste Orchesterprobe mit Karajan und den Berliner Philharmonikern in Salzburg absolvierte. Da saß ein ungewöhnlicher Geheimtipp, ein fast noch etwas pummeliger 13jähriger Teenager, Blue-Jeans, mit lustiger, harmlos altmodischer Frisur. Karajan wollte sie der Weltöffentlichkeit präsentieren. Sie wusste wohl, was auf dem Spiel stand.
Doch sie kam keineswegs gleich dran. Bis zur Mittagspause probierte der Maestro erst mal "Zarathustra". Ein kompliziertes Stück. Dann, mit verkleinertem Orchester: "Jupiter-Sinfonie". Anne-Sophie Mutter sitzt stundenlang dabei. Warte-Minuten, Warte-Ewigkeiten, um die man sie nicht beneidet. Endlich ist sie dran. Und dann erweist sich Karajans herzliche Behutsamkeit. Das Warten dürfte für die Solistin eine schlimme Nerven-Probe gewesen sein – jetzt zeigt Karajan, wie er sich einzufühlen vermag. Er unterbricht nämlich seine Berliner Philharmoniker während des Orchester-Vorspiels zum G-Dur Konzert. Weist auf irgend einen kleinen Fehler hin, was vielleicht gar nicht so schrecklich nötig gewesen wäre. Doch nun schaut das Fräulein Mutter plötzlich vollends entspannt drein. Sie begreift: es können auch mal falsche Töne vorkommen bei so einer Probe, es kann auch mal unterbrochen werden. Und das beflügelte ihren Einsatz. Mozarts Zauber senkte sich über Gerechte und Ungerechte. Kein Ton gleichgültig, aber jeder innig leuchtend gleichmäßig.

Doch was kam danach? Nun, jene strenge Prüfung der wahren Haltbarkeit des "inneren Ehrgeizes", die darin besteht, wie man nach triumphalem Start damit fertig wird, wenn man eine Niederlage erleidet, eine Grenze erfährt. Erst wenn auch das geschehen ist – und solche Rückschläge ereignen sich in jeder Biographie, in jedem künstlerischen Werden - erst wenn auch das geschehen ist, festigt sich, prägt sich endgültig die geistige Physiognomie. Anne-Sophie Mutter hat selber erzählt, was ihr Karajan nach jenem glanzvollen Mozart-Start zumutete. Karajan schlug ihr vor, sie solle ein Jahr später das Violinkonzert von Beethoven vornehmen.

Die erfolgreiche 15jährige tat gewiss ihr Bestes. Studierte mit ihrer Lehrerin Aida Stucki, einer Schülerin von Carl Flesch, ein halbes Jahr lang das berühmte Konzert ein. Und nun berichtet sie – welch ein Freimut, andere verschweigen solche Niederlagen lieber schamhaft – wie es weiterging: „Anschließend reiste ich verabredungsgemäß nach Luzern, um Karajan dort das Beethovenkonzert vorzuspielen.“ Karajan hatte schrecklich viel zu tun. In ihrem Bericht fährt sie fort: "Doch nach der Einleitung", (also wohl nach dem ersten großen Solo,) "sagte er unwirsch", ´´Gehen Sie nach Hause und kommen Sie nächstes Jahr wieder``. Und sie erzählt weiter: "Ein Jahr später fiel sein Urteil etwas gnädiger aus, und wir haben dann knapp eine Woche lang zwischen seinen Proben und Konzerten kontinuierlich an dem Konzert gearbeitet". Übrigens wählte sie im Finale des Beethovenkonzertes immer eine kurze, umwerfend virtuose Kreisler-Kadenz – die dauert nur 70 Sekunden, aber in der zweiten Hälfte kommt es zu einer rasenden, aberwitzig schnellen Passagen-Orgie. Und da war Karajan nicht nur väterlich, sondern geradezu sportlich stolz auf sein junges Geigengenie: ich habs in Japan erlebt, wie er glücklich staunend auf sein verdammt flügge gewordenes Geschöpf blickte, als Anne-Sophie Mutter zum beklommenen Staunen Tokios diese brillant explodierende Cadenz, wie sie selber es nicht gerade weihevoll formuliert, in enormem Tempo "runterrasselte"..

War Karajan der Entdecker, musikalische Lehrer und Mentor unserer jungen Anne-Sophie Mutter, so wurde für sie, was ihr Verhältnis zur großen zeitgenössischen Kunst betrifft, ein anderer bedeutender Musiker, immer wichtiger: das war Paul Sacher. Ich habe diesen großartigen und großzügigen Schweizer Dirigenten, Mäzen und Inspirator mannigfacher moderner Werke, noch hier in München und zwar im Zusammenhang mit dem Siemens-Musikpreis kennen und bewundern gelernt. Denn er gehörte, wie damals auch ich, zur überhaupt ersten Siemens-Musikpreis-Jury. Sein Rat und seine Vorschläge hatten Gewicht. Und in seinem Basler Haus eingeladen zu sein – das zählt zu den in jeder Weise nobelsten Erfahrungen meines Lebens.

Wie wichtig Paul Sacher für Anne-Sophie Mutters Beziehungen zu zeitgenössischen Komponisten wurde, lässt sich vielfach belegen. So schrieb Witold Lutoslawski seinen Dialog für Violine und Orchestra – "Chain 2" – für Paul Sacher, und der schlug als Uraufführungs-Solistin Anne-Sophie Mutter vor, Lutoslawski dirigierte. Und war von ihrer Interpretation so begeistert, dass er nur zwei Jahre später seine Duo-"Partita" in 5 Sätzen instrumentierte, als Violinkonzert – und sie ausdrücklich "Anne-Sophie Mutter" widmete. Analog entwickelte sich ihre Beziehung zum Nocturne "Sur le même accord" von Henri Dutilleux, dessen kompositorische Lauterkeit Anne-Sophie Mutter rückhaltlos bewundert und wohl am allerhöchsten stellt. Der Komponist erläuterte: "Das relativ kurze Stück ist Anne-Sophie Mutter gewidmet, mit der mich Paul Sacher vor ungefähr 15 Jahren bekannt machte"

Meine sehr verehrten Damen und Herren – als älterer Musikkritiker neigt man zur Skepsis gegenüber bestimmten Spezialisierungen. Wenn ich von gewissen Geigern oder Klavierspielern höre, die nur Zeitgenössisches oder nur mit dem Rund-Bogen barocke Solo-Sonaten vortragen wollen, dann drängt sich mir die Frage auf, ob das auch immer eine ganz freiwilige Beschränkung sei... Doch eine solche Alibi-Funktion hat ja nun Anne-Sophie Mutters Hinwendung zur zeitgenössischen Violin-Literatur wahrlich nicht. Im Gegenteil: als meisterhafte, musterhafte und unternehmungslustige Interpretin großer traditioneller Werke zwischen Vivaldi und Debussy braucht eine Anne-Sophie Mutter keine Konkurrenz zu fürchten.

So erinnere ich mich dankbar daran, wie beeindruckend sie mehrfach in München und anderswo das Violinkonzert von Brahms zum Ereignis machte und mir im "live"-Konzert noch beeindruckender schien als immerhin selbst David Oistrach, selbst Nathan Milstein, selbst Itzak Perlman – von geringeren Göttern gar nicht zu reden – dann waren die seelischen Erfahrungen, welche ihr Spiel vermittelte, überwältigend. Ich muss in meiner Erinnerung zurückgehen bis ins Jahr 1948, als die 29jährige Ginette Neveu mich in Hamburg mit ihrer hochdramatischen Brahms-Darstellung bewegte, um eine Live-Interpretation gleichen Ranges nennen zu können. Solche Darbietungen sind nicht nur gute oder sehr gute Konzerte. Sie gehen über den Rahmen des Gewohnten, Schönen, Alltäglichen astronomisch hinaus. Wie sehr, das formulierte mein Freund Stephan Sattler, als Anne-Sophie Mutter hier in München Brahms-Sonaten geboten hatte. Er sagte – er hätte kaum mehr geglaubt, dass die Deutschen ein solches Wunder-Geschöpf absoluter Stimmigkeit überhaupt noch hervorbringen können. So viel Glut, Stilsicherheit und Freiheit ereignet sich an gesegneten Abenden in Anne-Sophie Mutters Kunst. Nie erweckt sie den Eindruck, das Einstudieren und Aufführen zeitgenössischer Werke – sei für sie nur eine hochherzige Pflicht-Übung. Ja, mein Kollege und Freund Harald Eggebrecht, der ein sachkundiges, treffliches Buch über "Große Geiger" publizierte, vertritt dort sogar die These, und nun wörtlich: "Die Erfahrungen mit neuer Musik haben Anne-Sophie Mutters Gestaltungsmöglichkeiten entscheidend erweitert. Nun vermag sie ihren Ton bis ins Aschfahle erblassen zu lassen, scheut sie Härte und sogar Häßlichkeit nicht..."

Es ist gewiss imponierend, welche Mannigfaltigkeit der Ausdruckshaltungen, der verschiedenen Tonfälle, der geheimnisvollen Uneigentlichkeit, wie der rasenden Hochdramatik Anne-Sophie Mutter im hochbedeutenden, erst 2007 entstandenen Violinkonzert von Sofia Gabaidúlina – es trägt den Rätsel-Titel "In tempus präsens" – zu erfühlen und zu erfüllen vermag. Sie beginnt das rezitativische Anfangs-Solo des Konzertes zugleich wunderbar scheu und beklemmend expressiv. Die Musik wirkt nicht direkt gegenwärtig, sondern eher so als denke oder träume jemand hinter einem Vorhang, werfe aber von da hin und wieder einen Blick ins gelobte Land des Espressivo.

Welch innige Subtilitäten. Doch das Gewaltigste, sowohl als Komposition wie als Interpretation, folgt noch: Die letzten Minuten vor der Kadenz. Da steigert nämlich die Komponistin das Orchester zu donnernd anapästischen Kurz-kurz-Lang-Rhythmen – und gegen diese Akkordik des Untergangs kämpft die Solo-Geige rasend um ihr Leben. Die Stelle hat eine Dramatik, die sie immerhin vergleichbar macht mit den Ekstasen der Durchführung des Kopfsatzes vom Brahmsschen Violinkonzert. Eine große Schauspielerin von unendlicher Wandlungsfähigkeit könnte die Fülle solcher Gesichte nicht fesselnder auf einander folgen lassen, als Anne-Sophie Mutter es tut.

Soeben habe ich dem bemerkenswerten 2. Konzert der Sofia Gubaidulina und seiner Interpretation durch Anne-Sophie Mutter einige bewundernde Bemerkungen gewidmet – ebenso dringend geboten wäre es, hervorzuheben, mit welch wunderbar schmerzlich strömendem Ton sie aus Lutoslawskis "Partita"-Largo ein differenziertes "Cantabile"-Ereignis macht, mit welch verhaltenem Legato sie Dutulleux’s "Nocturne" ebenso aufrichtig wie diskret meistert, welch brillante Attacke ihr zu Gebote steht, wenn die effektvoll getürmten Doppelgriff- und Flageolett-Schwierigkeiten in Pendereckis "Metamorphosen" violinistisch und geistig zu bewältigen sind.

Um einen scheinbar weit hergeholten Vergleich zu wagen: Sie spielt Modernes immer auch geigerisch süffig, engagiert – so wie Milstein einst Bachs Solo-Sonaten und Partiten zwar wunderbar ausdrucksvoll und bedeutungstief vortrug, doch zugleich auch als Geigen-Fest und Klang-Entzücken. Er brachte dann wahrlich ehrfurchtsvoll, eine virtuelle Vermählung von Bach und Sarasate zustande – so gelingt der Mutter eine natürliche Verbindung von heikler Modernität und Geigenlust! Dabei handelt es sich keineswegs nur um gewisse, todsichere Attitüden einer Weltklasse-Solistin – sondern um eine schier unendliche, immer wieder neue, überraschende Fülle von Zartheiten, Attacken, Abwandlungen.

Ich weiß von ihr, wie sehr sie immer gleich bleibende, identische Wiederholungen scheut. So wirkt es tatsächlich absurd, wenn beim Vortrag eines klassischen Sonaten-Satzes Solisten gewisse Ritardandos, wie sie in der Exposition, ihrer Wiederholung, dann in der Reprise vorgeschrieben sind, immer völlig identisch ausführen – als ob nicht jeder Ton, jede Äußerung bei der Wiederholung, wenn Zeit vergangen und Erfahrung hinzugekommen ist, doch irgendwie anders artikuliert werden müsste! Selbst "Ich liebe Dich" sagt kein Sterblicher immer wieder völlig gleich – sondern eben doch beim zweiten Mal vielleicht noch etwas leidenschaftlicher oder auch um eine Spur gelangweilter, weniger nachdrücklich. Aber eben nicht gedankenlos identisch. Anne-Sophie Mutter nimmt diese Verpflichtung zur Verwandlung, zu lebendiger Fülle derart ernst, dass sie einmal gestanden hat: "Ich lasse mich da völlig auf den Moment ein, wobei die Bogen-Phrasierung immer die gleiche bleibt. Als Streicher kann man neue Farben", so fährt sie fort, "auch durch Fingersätze erzielen, und in der Reprise spiele ich das Thema immer mit einem anderen Fingersatz, wenn nicht sowieso mit einer ganz anderen Gestik, als in der Exposition".

Solche Einzelheiten kann man voller Bewunderung loben als Laudator. Doch man muss dann auch hinzufügen, welch aberwitzige Konzentration hinter derartiger Penibilität und Vollendungs-Fülle steckt. Es klebt gleichsam Blut an dieser scheinbar mühelosen Meisterschaft – an solchen Ansprüchen der Künstlerin an sich selbst! Neulich noch, nach der Uraufführung von Jan Schmidt-Garres wunderschönem Film über die Begegnung von Anne-Sophie Mutter mit dem II. Violin-Konzert der Gubaidulina, sagte die Künstlerin, die Aussage eines Komponisten, einer Komponistin, über ihre Interpretation, sei für sie strengste Prüfung. Sei strengstes Urteil über alles, was sie tue!

So begreift man, warum mitten im gefeierten Gelingen, im umjubelten Erfolg gerade manche ganz Großen ans Aufhören denken. Auch Anne-Sophie Mutter spielte bereits vor zehn Jahren mit dem Gedanken und äußerte: "Wenn ich Mitte 40 bin, ziehe ich mich zurück". Und sie fügte hinzu: "Vielleicht dirigiere ich dann". Nun gehört die Vorstellung, aufhören zu können oder zu wollen, gewiss zu fast jeder Ausnahme-Karriere. Aber nicht als definitiver Entschluss, sondern eher als ein Trost, als eine Freiheits-Vision, als Entspannungs-Alibi. Wie wäre es, wenn wir unsere Anne-Sophie Mutter bäten, aus der 45, indem sie die Zahl als Krebs liest, eine 54 zu machen! Und wenn sie dann irgendwann die 54 erreicht hat, eine verdoppelnde Augmentation der 45 vorzunehmen! Das wäre dann 90. Was danach geschieht, braucht unsere irdische Sorge nicht zu sein...

Liebe Anne-Sophie Mutter, herzliche Gratulation zum Ernst-von-Siemens-Musikpreis. Er drückt zum einen aus, wie sehr die Musikwelt Sie und Ihr Spiel verehrt – aber zum anderen auch, wie dringlich wir alle Ihre Kunst weiterhin brauchen, benötigen, nicht entbehren können und wollen.
Ich danke Ihnen!

Joachim Kaiser

Dankesworte von Anne-Sophie Mutter



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